© Iris Nieland

“Mainz bleibt Mainz, wie es singt und hetzt…”

Mich erreichten mehrere Reaktionen von Bürgern, die am letzten Freitag die von der ARD übertragene Fastnachtsitzung “Mainz bleibt Mainz” im Fernsehen gesehen haben. Ein Bürger berichtete, dass das weitgehend “eine politische Hetzveranstaltung” gewesen wäre: “…wie es singt und hetzt…” Eine Bürgerin schrieb mir: “Mainz, wie es singt und lacht! Im ersten Teil mitreißend wie immer, aber `unter der Gürtellinie´ zum Schluss. Wie peinlich. (…) Das ging mir doch über die Hutschnur. Es gab auch Leute, die die Sendung schon bei dem `in der Unterhose´ abgeschaltet haben.”

Die Verarbeitung politischer Themen und die Kritik an Politik hat eine lange Tradition im deutschen Karneval. Schon die französische Besatzung im späten 18. Jahrhundert ließ das närrische Treiben wohl auch deshalb kurzerhand verbieten. Zugleich aber gab es in der Geschichte trotz Phasen politischer Kritik an bestehenden Machtverhältnissen auch immer wieder Anbiederungen der Karnevalsvereine an die politisch Herrschenden. Als Beispiel sei die NS-Zeit erwähnt, als sich zum Beispiel Umzugswagen für antisemitische und NS-Propaganda hergaben. Auch heute scheint mir eine solch unselige Allianz zwischen Karnevalisten und etablierten Eliten wieder Relevanz zu erlangen.

Bei der Fastnachtssitzung “Mainz bleibt Mainz” 2017 fiel auf, wie wenig die Bühne für Kritik an der derzeitigen Regierungspolitikern, die nun wahrlich viel Stoff bieten würde, genutzt wurde. Diese durften sich vielmehr an den geschmückten Tischen harmlos unterhalten lassen. Stattdessen schoss man sich in ermüdender Weise auf Donald Trump und auf die derzeit einzige reale Oppositionspartei in den Parlamenten ein, die AfD. Diese Anwürfe hatten allerdings nicht mehr viel mit Humor oder subtiler Ironie zu tun, sondern äußerten sich weitgehend niveaulos und platt.

Besonders hervor taten sich Lars Reichow und Hans Peter Betz alias “Guddi Gutenberg”. Reichow bot keine klassische Büttenrede, sondern eine als Karnevalsbeitrag getarnte politische Rede, in der er die üblichen Plattitüden der Mainstream-Medien gegen Donald Trump wiederholte. Sozialdemokratische Politiker wurden nur kurz und harmlos hochgenommen. Ein Feigenblatt. Reichow, der auch als SWR- und ZDF-Moderator arbeitet, behauptete über AfD-Politiker, sie “verkleiden sich als Demokraten”. Dann folgten unsägliche NS-Vergleiche. Björn Höcke würde ohne Kostüm “als Nazi” gehen. Er sei die “Mickey Mouse-Ausgabe von Joseph Goebbels”.  Frauke Petry wurde als “Tüpfel-Hyäne im bürgerlichen Pelz” beschimpft.

Hans Peter Betz alias “Guddi Gutenberg” äußerte in seiner Rede mindestens genau so anspruchslos: “Auf andere würde ich gerne verzichten. Zum Beispiel auf die AfD.” Er nannte die Partei ein “unappetitliches Thema”. Sie sei “die Bremsspur in der Unterhose Deutschlands.” Die AfD wurde mit der NPD verglichen, und der “Widerling” Björn Höcke wurde “Adolf” genannt. Betz gebrauchte zudem einen Gauckschen Begriff, als er äußerte: “Dunkeldeutschland wird immer dunkler.” Dresdner Demonstranten wurden von ihm als “Deppen” und “Arschlöcher” tituliert. So viel zu diesem karnevalistischen Feingeist.

Die Mainzer Sitzung fand während eines politischen Klimas statt, in dem es fast wöchentlich zu Straftaten gegen AfD-Politiker kommt. Erst unmittelbar vor der Fastnachtssitzung wurden das Automobil der Offenbacher AfD-Fraktionsvorsitzenden weitgehend zerstört und das Haus des Rödermärker AfD-Vorsitzenden beschädigt.

In einem solchen Klima als Fastnachtshumor verkleidete politische Propaganda gegen die Opfer der Gewalt zu betreiben, könnte schon fast mit dem Begriff der “geistigen Brandstiftung” tituliert werden.

Die Anbiederung der Karnevalisten an die Wahlkampf- und Medienstrategien des Mainstreams hat nicht nur mit eventuellen direkten Kontakten hoher Karnevalsfunktionäre zur etablierten Politik zu tun. In der “Deutschen Welle” wurde bereits 2013 auf die “handzahme Kritik” an etablierten Politikern und einflussreichen Institutionen hingewiesen, die aus der Konfliktscheu der Karnevalisten resultiere. Man bemühe sich in den hohen Karnevalskreisen, möglichst keiner mächtigen Gruppierung wirklich auf den Schlips zu treten und dadurch auch nicht zu sehr gegen die “political correctness” zu verstoßen. Das Motto laute: “Große Aufreger versuchen wir zu vermeiden.”
Insofern sind Karnevalisten zunehmend auch Getriebene der “political correctness”, die sie beispielsweise immer mal wieder mit “Rassismus”-Vorwürfen überschüttet, wie nun wieder in Fulda.

“Wir wollen nur humorvoll Kritik üben, aber auf keinen Fall persönlich verletzen”, äußerte demnach Sigrid Krebs vom Festkomitee Kölner Karneval 2013. “Wir behaupten nichts, was nicht wahr ist und beleidigen nicht”, stellte zudem der Karnevalist Jürgen Dietz klar.

Doch diese Grundsätze schonen nur die Mächtigen, gelten jedoch keinesfalls für Oppositionsgruppierungen wie die AfD. Das zeigte die letzte “Mainz bleibt Mainz”-Sitzung. Hier halten sich einige Karnevalisten für sicher genug, sich aus der Deckung zu wagen, und gegen die politische Opposition der AfD herzuziehen. Und dies noch weitgehend humorlos und reichlich platt.

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